Ich wurde von verschiedenen Seiten gefragt, wie ich die diesjährige Nobelpreisvergabe beurteile.
Meiner Ansicht nach hat das Nobelpreiskomitee wieder einmal sehr viel Taktgefühl bewiesen. Die Nobelpreise für die Naturwissenschaften kann ich schon aufgrund meiner mangelnden Kenntnis der Materie nicht bewerten, den Nobelpreis für Literatur und den Friedensnobelpreis jedoch sehr wohl. Orhan Pamuk ist einer der bekanntesten Schriftsteller Europas und zugleich der berühmteste türkische Vertreter seiner Zunft.
Allein durch die zahlreichen Auseinandersetzungen mit den türkischen Behörden war er des öfteren in den europäischen Medien vertreten. Schriftstellerisch habe ich bisher nur seinen Erinnerungen über Istanbul gelesen - eine sehr schönes, persönliches Buch, das zugleich auch eine Einstimmung auf meine Istanbulreise im vergangenen April war – aber halt keine Prosa im klassischen Sinn.
Insgesamt finde ich eine sehr kluge Entscheidung, ausgerechnet dem in der Türkei umstrittensten Schriftsteller diesen Preis zu geben. Eine gewisse Parallele zu der Verleihung an Elfriede Jelinek kann man nicht leugnen.
Vielleicht müssen wir uns fragen, wieso in den jeweiligen Ländern ausgerechnet die international erfolgreichsten Schriftsteller oft so umstritten sind. Vielleicht weil sie den Finger auf die nationalen Wunden drücken, oder weil Erfolg auch Neid produziert, oder vielleicht ist es auch das moralische Gewissen, das viele dieser Autoren verkörpern und das den Leuten sauer aufstößt. Ich denke hier auch an Günter Grass. Unabhängig, wie man zu seiner Autobiographie und dem späten Geständnis stehen mag: Wie hat sich doch ein großer Teil der Öffentlichkeit darüber gefreut, dass ausgerechnet Grass, dieser Grass, der politisch aktiv war und ist und wie kaum ein anderer (augenommen vielleicht Altbundeskanzler Helmut Schmidt) das moralische Gewissen Deutschlands darstellt, ins Straucheln kommt.
Aber genug der Worte, freuen wir uns also, dass das Nobelpreiskomitee eine derartig gute Wahl getroffen hat, und gehen wir am besten gleich heute in die Buchhandlung, um ein Werk Pamuks zu erstehen und lesen wir es auch.
Der Friedensnobelpreis ist in diesem Jahr ebenfalls klug vergeben. In einigen Zeitungen habe ich jedoch gelesen, wie empörend man findet, dass ein Bankier, der von armen Leuten 20% Zinsen verlangt auch noch so einen Preis bekommt. Da kann ich natürlich nur den Kopf schütteln und diesen Journalisten empfehlen, dass sie sich einmal näher mit Mikrokrediten auseinandersetzen. Hier wird Menschen, die bei keiner „normalen“ Bank eine Kreditchance hätten trotzdem ein Kredit gewährt. Dabei handelt sich oft um Kleinstbeträge von 100 Dollar, die für die Betroffenen jedoch oft den entscheidenden Impuls für ihre Selbsthilfe darstellen. Hier wird das Prinzip „Hilfe zu Selbsthilfe“ gelebt! Klar, dass man dies nicht zum Nulltarif machen kann. Die Ausfälle bei Rückzahlungen werden sicherlich nicht unwesentlich sein. Deshalb halte ich die Zinsrate für gerechtfertigt. Auf jeden Fall ist dieses Prinzip 1000 Mal besser als irgendwelche Säcke Reis oder Kartoffeln in ärmste Länder zu schicken.