Buchbesprechung: "Reisebericht eines T-Shirts"
Wie kommt ein gewöhnliches T-Shirt in die Regale, was passiert, nachdem man es nach Jahren in die Altkleidersammlung geworfen hat?
An diesen zwei Fragen hängt Pietra Rivoli ihren „Reisebericht eines T-Shirts“ auf. Angeregt von einer Studentendemonstration gegen die Ausbeutung von Arbeitern in der Textilbranche, begibt sich die Washingtoner Wirtschaftsprofessorin an die einzelnen Produktionsstätten eines T-Shirts und erklärt auf sehr konkrete Weise, wie der Markt funktioniert. Kritisch beleuchtet sie Arbeitsbedingungen, politische Entscheidungen und den globalen Handel. Sie kommt dabei zu dem Schluss, dass Gewerkschaftsbewegungen von elementarer Bedeutung für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen sind. Das wahre Übel, so zeigt sie an verschiedenen Beispielen auf, ist nicht der freie Markt, sondern ist die Politik, die mit unzähligen Handelsbarrieren versucht die heimische Wirtschaft zu schützen. Dieses Lochstopfen im Damm rettet keineswegs die eigene Textilbranche, sondern fördert indirekt sogar den Abzug von Arbeitsplätzen.
Allerdings gibt auch sie zu, dass sich die texanischen Baumwollfarmen nur durch Subventionen, Ausbeutung von Sklaven, hohen Schutzzöllen und einer engen Verzahnung zwischen Unternehmen und öffentlicher Forschung zu der absoluten Weltmacht im Baumwollhandel emporarbeiten konnten.
Den einzigen freien Markt entdeckte Rivoli nur in Tansania. Hier wird mit den Second-Hand-Kleidern ein reger Handel betrieben. Jeder kann an diesem Geschäft teilhaben und so seinen Lebensunterhalt finanzieren. Die Autorin widerlegt auf sehr eindruckvolle Art und Weise die weitläufige Ansicht, dass dieser Textilhandel mit Afrika eine weitere Ausbeutung durch die Industriestaaten bedeutet. Vielmehr ist er eine Chance für die Menschen vor Ort, langsam auch an Wohlstand zu gewinnen.
Ja, man muss das Buch mit Vorsicht genießen. Manchmal schwärmt Rivoli zu sehr vom freien Handel und lässt die teilweise prekären Arbeitssituationen außer Acht. Richtig ist jedoch ihre Theorie, dass das Wachstum der Textilbranche so wie in England des 18./19. Jahrhunderts, später in den USA, Japan, China und heute in Vietnam, Kambodscha oder Pakistan immer der Beginn einer Industrialisierung und von Wohlstand war und ist. Auch haben sich generell die Arbeitsbedingungen verbessert. Heute kommen Todesfälle in Textilunternehmen wesentlich seltener vor, als noch um 1900. Das darf jedoch nicht dazu führen, dass man sich bequem zurücklehnt – noch ist auf diesem Gebiet viel zu tun. Interessant finde ich den Ansatz, dass Politik in diesem Wirtschaftsbereich oftmals gut gemeinte Schutzbarrieren aufstellt, die letztlich zum Nachteil für alle sind. Ich würde dies zwar nicht generalisierend auf alle Branchen ausweiten, aber man kann sicherlich einige Beispiele dafür anführen - siehe Landwirtschaft.
Fazit: gut zu lesen, viele Details (besonders über die amerikanische Textilindustrie), nachvollziehbare Gedankengänge -> empfehlenswert!
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